Die Liebe in Rom im Jahre 2011

„Du bist einfach so wie immer.“ Carlotta war von Domenicos Gesichtsausdruck irritiert, als sie am späten Abend eng umschlungen vor ihrem Elternhaus standen. War seine Unsicherheit gespielt oder echt? Sie hatte ihn eben daran erinnert, dass er am morgigen Sonntag bei ihnen zum Essen eingeladen war. Nach dem Abendessen hatten sie auf dem Monte Aventino, im Park der Basilika Santa Sabina gewartet, bis der letzte Lichtschimmer ihres Tages sich in der Milde der Nacht verloren hatte.

„Und was ziehe ich an?”

„Das übliche. Die Hochzeit ist erst nächste Woche“, antwortete Carlotta fast schon ein wenig verärgert. „Dieser Besuch morgen ist sicher nicht dein erster bei den Eltern einer Freundin. Außerdem kennst du sie von früher.“

Nun musste auch Domenico lachen über seine Unsicherheit. Dabei war sie nicht einmal gespielt. Zärtlich zog er Carlotta noch ein Stück näher an sich heran. Nach einem innigen Kuss schaute er auf das große Haus und die schwere Türe, hinter der sie bald schon, sicher mit einem kurzen Winken, verschwinden würde. Im Dunkeln wirkte die Villa noch herrschaftlicher und die Blumen dufteten intensiver als tagsüber. „Sicher ist es das Haus das mich beeindruckt.“

Carlotta lachte ihr vieldeutiges Lachen zwischen Spott und eigener Ungläubigkeit, das Domenico schon während ihrer Schulzeit nie wirklich einordnen konnte. „Ist jetzt nicht wirklich dein Ernst. Du, als zukünftiger Stararchitekt lässt dich von einem Haus einschüchtern?“

Er löste sich ein Stück von ihr, holte tief Luft um ihr bedeutungsvoll zu antworten. Doch die eben eingeatmete Luft verpuffte ohne Worte in der warmen Nacht. Von der unerwartet eingetretenen Sprachlosigkeit irritiert, zog sie ihn ganz nah an sich heran. In dieser Nähe spürte er eine plötzliche Unsicherheit. Ihre bisherige Unbekümmertheit schien sich ebenso verloren zu haben, wie kurz zuvor seine Antwort. Als sie ihm in dieser kurzen Zeit der Besinnung doch noch einfiel, überraschte ihre Ernsthaftigkeit nicht nur Carlotta. „Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob ich wirklich als Architekt arbeiten möchte. Außerdem geht es mir nicht um die Architektur eures Hauses. Die erzählt eher etwas über den Erbauer. Mich interessiert vielmehr der Charakter, die Geschichte des Hauses. Und die wird erzählt über die privaten und intimen Ecken und Räume, in denen die Menschen leben. Jedes Haus hat seine Geschichte. Je älter, desto länger wird sie. Sobald ich es morgen betrete, werde auch ich ein Teil davon.“

Nach einem letzten Kuss wirkte Carlottas kurzes Winken nachdenklich, mit dem sie hinter der Türe verschwand. Es war weit nach Mitternacht, als Domenico zu seiner Unterkunft durch das nächtliche Rom aufbrach. Der inzwischen aufgegangene Mond und sein Gefühl der Liebe erinnerten ihn an den Film ‚Mondsüchtig‘, den er kürzlich im Fernsehen gesehen hatte. Wie liebte er die Szene, in der Cher, verloren in Liebesgedanken, eine Getränkedose durch die morgenfrühe, menschenleere Straße kickt. Tatsächlich schepperte eine im Rinnstein gefundene Bierdose alsbald über das holprige Straßenpflaster. Da nicht Puccinis La Bohème vom Himmel ertönte, sang er aus dem Film den Refrain von Dean Martins Schmonzette laut vor sich hin.

When the moon hits your eye like a big pizza pie

that's amore

Bis kurz vor ihrem Abschied hätte er das wenige was er besaß darauf verwettet, dass Carlotta seine Liebe erwiderte. Aber gab es jetzt einen Grund daran zu zweifeln nur weil sie irritiert war von seiner plötzlichen Unsicherheit über seinen Berufsweg? Niemals sollte ihr oder sein Berufsweg ihre junge Liebe gefährden. Dass sie sich liebten, war dafür der vergangene Tag nicht Beweis genug?

Domenico spürte, dass sein Leben dabei war sich entscheidend zu verändern. Doch was hatte ihm diese Veränderung deutlich gemacht? War es der auf dem Monte Aventino, im Park der Basilika Santa Sabina zu Ende gegangene Tag mit Carlotta? War es die Zeit die sie in Rom verbrachten? Und was machte die Veränderung selber aus? War es die Rückkehr ins Land seiner Eltern zu seinem Studienabschluss in Rom? Er wusste, Bewusstwerden und Auslöser von Veränderungen liegen oft weit auseinander. Doch diesmal lag beides sehr nahe beieinander. Im unmittelbaren Augenblick seiner verzögerten Antwort an Carlotta war ihm die Veränderung klar geworden. Von diesem Moment an, als er sich gefragt hatte, ob er Architekt werden wollte, hatte er zum ersten Mal begonnen, sich eigene Gedanken über sein weiteres Leben zu machen. Bisher hatte er nur auf unmittelbare Sicht gelebt. Seine Geburt in Italien, den Umzug nach Deutschland sowie den Schulbesuch dort hatten andere bestimmt. Auch an der Entscheidung zum Architekturstudium hatte er sich seltsam unbeteiligt gefühlt. Sein Vater, ein einfacher Maurer, hatte immer davon geträumt Architekt und reich zu werden.

Plötzlich, vor dem Haus mit Carlotta, war ihm klar geworden, ab sofort musste er selbst die wichtigen Entscheidungen für sein Leben treffen. Doch wie geht es weiter mit ihm und Carlotta? Sie lebt in Rom und beendet in Kürze ihr Jurastudium, während er nach seinem Studienabschluss den bereits unterschriebenen Arbeitsvertrag in Köln erfüllen wollte. Konnten sie wirklich Karriere und Liebe für ein gemeinsames Leben in Einklang bringen?

Diese Gedanken, die ihn auf seinem Weg in seine Unterkunft begleitet hatten, waren von dem Moment an verschwunden, als er wieder tief in der Geschichte des Luigi Piemonte versank.

 

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Buchpräsentation "Ein Meer aus Zeit", am 11.1.2016, im Kunstverein Bad Godesberg
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© Jürgen Laue